10. Laura Dekker (* 20. September 1995)

Laura Dekker (* 20. September 1995 in Whangarei, Neuseeland)

Laura Dekker umsegelt mit 14 Jahren die Welt. Ganz allein. Mit einer Ketsch, einer nagelneuen Jeanneau Gin Fizz: zwei Masten, fast 12 Meter lang, knapp 4 Meter breit, 85 qm Segelfläche. Das ist schon was! Laura legt damit 50.000 Kilometer zurück! Über den Atlantik, den Pazifischen und den Indischen Ozean.
Es ist eine Reise voller Risiken. Jede Kollision könnte in einer Katastrophe enden. Vor der Abreise absolviert sie einen Kurs in medizinischer Nothilfe. Wenn sie sich verletzt, behandelt sie sich selbst. Sie muss lernen, mit wenig Schlaf auszukommen, jederzeit könnte sich, selbst auf höchster See, ein Objekt nähern, ein Containerschiff zum Beispiel. Einmal taucht plötzlich ein Wal auf, direkt vor ihrem Boot! Laura sieht nur noch schäumendes Wasser. Es ist die gefährlichste Situation, an die sie sich erinnern kann. Manchmal fragt sie sich: „Was tue ich hier eigentlich?“ Doch ans Aufgeben denkt sie nicht, es ist ihr Traum und sie setzt ihn um. Und sie läßt sich Zeit dafür. Sie ist über 600 Tage unterwegs. Ihren 16. Geburtstag feiert sie in Darwin, Australien, mit Donuts und Kuchen und ein paar neu gewonnenen Freunden. Ihr Vater kommt extra aus den Niederlanden angeflogen. Welche Freude!

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Lauras Boot heißt Guppy, wie der berühmte Aquarienfisch. Das war auch ihr Spitzname, als sie ein kleines Kind war. Guppy, das Boot, ist ein zäher und treuer Freund. Wenn er unterwegs immer mal wieder kaputt geht, läßt er sich geduldig von ihr reparieren.

Laura segelt, seit sie denken kann. Sie wird 1995 während der siebenjährigen Weltreise ihrer Eltern im neuseeländischen Whangarei geboren. Auf einem Segelboot. Durch ihren Vater besitzt sie die niederländische, durch die Mutter die deutsche und durch den Geburtsort die neuseeländische Staatsangehörigkeit. Die ersten fünf Lebensjahre verbringt Laura mit ihren Eltern und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Kim auf See. Sie wächst quasi im Wasser auf, bzw. auf dem Wasser. Erst als sie in die Schule muss, zieht die Familie nach Holland. Mit sechs Jahren fährt sie allein mit ihrer Jolle die niederländische Küste auf und ab.

Nach der Scheidung ihrer Eltern im Jahr 2002 bleibt sie bei ihrem Vater und hilft ihm, dem Bootsbauer, beim Bootsbau. So verdient sie ihr eigenes Geld. Mit zehn kauft sie davon ihr erstes Boot, eine Hurley 700, mit der sie über den Ärmelkanal nach England und zurück segelt. Selbstredend allein. Dabei trifft sie eine weitreichende Entscheidung: sie will so bald als möglich einhändig die Welt umrunden. Als ihr Vater sie ein knappes Jahr später von der Schule abmeldet, damit sie ihren Traum verwirklichen kann, schaltet sich das Jugendamt ein. Das Gericht entzieht den Eltern für Monate das Sorgerecht, eine Psychologin untersucht Lauras seelischen Zustand, ein Segelprofi checked, ob sie ihr Boot im Griff hat. Ihr Kapitänspatent hat sie mit ihren 13 Jahren längst gemacht – das Dokument erhält sie jedoch erst an ihrem 18. Geburtstag. Also lange nach ihrer Weltumsegelung!

Das Jugendamt will sie in ein Heim einweisen. In den Niederlanden entbrennt ein öffentlicher Streit: Dürfen Eltern ein Kind so etwas tun lassen? Was, wenn sie kentert, sich verletzt oder auf Piraten trifft?
In einer Umfrage vom „Algemeen Dagblad“ sagen 77 Prozent der Leser: Nein, Eltern dürfen das nicht erlauben! Laura gerät in Panik und flieht in die Karibik, nach Sint Maarten.
Doch 
die niederländischen Behörden holen sie zurück. Auf dem Höhepunkt des Streits findet Vater Dekker eines Morgens seine Tochter blutüberströmt in seinem Hausboot. Sie hat versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Arme Laura – das Jugendamt ist tückischer und lebensgefährlicher als die See! Das Amt lenkt ein. Sie darf fahren. Bis sie 16 Jahre alt ist, soll sie allerdings den Lehrplan der sogenannten Weltschule absolvieren, weil sie der Schulpflicht unterliegt. Sie verspricht es.

Kurz vor ihrem 15. Geburtstag sticht sie endlich mit ihrem neuen Boot, der Guppy II, am 21. August 2010 von Gibraltar aus in See.
Ihre Route:

  • 25. August 2010: Ankunft auf Lanzarote, dort bleibt sie fast drei Monate
  • Abwettern der atlantischen Hurrikansaison auf den Kanarischen Inseln mitFamilienbesuch aus der Heimat und „Sightseeing“
  • 10. November 2010: Abfahrt von Gran Canaria
  • 18. November 2010: Kap Verde, 14 Tage Aufenthalt
  • 2. Dezember 2010: Beginn der Atlantiküberquerung von Kap Verde nach Sint Maarten (2.200 Seemeilen), 17 Tage auf See
  • 19. Dezember 2010: Ankunft in der Simpson Bay Lagune im niederländischen Sint Maarten
  • 5.–14. Januar: Gastaufenthalt auf der Stad Amsterdam
  • 20. Januar 2011: Abfahrt von Sint Maarten, 15 Tage auf See
  • 5. Februar 2011: Ankunft auf Bonaire
  • Durchquerung des Panamakanals vom 10. bis zum 11. April
  • 26. April 2011: Ankunft auf Santa Cruz, Galapagos
  • 25. Mai 2011: Ankunft auf Atuona, Marquesas-Inseln, Französisch-Polynesien
  • 8. Juni 2011: Ankunft in Papeete, Tahiti
  • 18. Juli 2011: Ankunft in Suva, Fidschi
  • 25. August 2011: Ankunft in Darwin, an der Nordküste Australiens, am 369. Tagihrer Weltumseglung. Damit hat sie den atlantischen und pazifischen Ozean vollständig durchquert, ein Monat Segellpause
  • 25. September 2011: Abfahrt aus Darwin mit unbekanntem Ziel, 48 Tage auf See
  • 12. November 2011: Ankunft in Durban, Südafrika (5.540 Seemeilen)
  • 18. November 2011: Ankunft in Port Elizabeth, Südafrika
  • 26. November 2011: Passage an Kap Agulhas, Südafrika. Kap Agulhas bildet den südlichsten Punkt am afrikanischen Kontinent. Dekker erreichte damit auch den südlichsten Punkt ihrer Weltumsegelung. Sie segelte danach mit einem nördlichen Kurs und zwar zum zweiten Mal seit dem Ablegen in den Niederlanden
    27. November 2011: Ankunft in Kapstadt, Südafrika, nach erfolgreicher Umseglung des Kap der Guten Hoffnung
  • 12. Dezember 2011: Abfahrt von Kapstadt
  • 20. Dezember 2011: Überquerung der geographischen Länge 5° O und damit dergeographischen Länge der Niederlande. Ausgehend vom inoffiziellen Beginn in den Niederlanden hatte Dekker auf ihrer Weltumseglung damit sämtliche geographischen Längen gekreuzt, 22 Tage auf See
  • 21. Januar 2012: Ankunft gegen 15.00 Uhr Ortszeit in der Simpson Bay auf der niederländischen Karibikinsel St. Maarten und damit Beendigung der Weltumseglung. Die letzte Strecke führte direkt von Kapstadt 5600 Seemeilen (10.400 km) nach St. Maarten„Ich springe aus der Kajüte, jetzt schnell das Großsegel reffen. Der Wind tobt über den Indischen Ozean, türmt mit Stärke 8 die Wellen zu meterhohen Ungetümen. Die Sterne verschwinden hinter einer großen Wolke. Regen setzt ein. Innerhalb von Sekunden steht das Cockpit unter Wasser. Guppy bekommt Schlagseite, Wellen schwappen übers Deck. Das sind Momente, die mir alles an Kraft und Konzentration abverlangen. Aber gleichzeitig ist es wunderbar, mich und die Natur zu spüren. Es gibt nichts Besseres. Nach einer Stunde lässt das Unwetter nach.“Laura führt jeden Tag Videotagebuch. Und jeden Tag lernt sie für die Schule, Fernunterricht, Hausaufgaben usw. Den Abschluss macht sie erst lange, nachdem sie zurück in den Niederlanden ist. Aber sie lebt auch ihr ganz eigenes Bordprogramm: spielt Gitarre und Flöte, beobachtet Fliegende Fische, fotografiert sich und das endlose Meer oder neugewonnene Freunde an Land, skypt mit Daheim oder mit anderen Seglern, die auf ähnlichen Touren sind.

 

Ein andermal wird Laura von einer riesigen Welle umgeworfen. Sie verletzt sich dabei am Fuß: „Mein Fuß hatte ein riesiges Loch, es war ein Zentimeter tief und ich konnte nichts dagegen tun. Also habe ich versucht, es zu bandagieren und die Blutung zu stoppen. Ich hüpfte über das Boot wie ein Flamingo. Das Problem mit Wunden auf einem Boot ist: sie heilen nicht.
Die Luft ist salzig und klamm und die Wunde trocknet nicht. Meine Wunde wurde also größer und größer… und dann kam ich endlich auf einer wunderschönen tropischen Insel an, wo es viele Viren gibt. Meine Eltern hatten mich davor gewarnt, sie haben mir all diese Bücher gegeben und Geschichten erzählt, über Würmer, die in Wunden kriechen! Ich hatte diese Horror-Geschichten im Kopf und wusste nicht, was ich tun sollte. Schließlich wurde ich auf der Strasse von einem Mann und seiner Familie angesprochen. Sie sprachen kein Englisch, aber sie zeigten auf meinen Fuß und fragten mich, was da passiert war. Sie nahmen mich mit nach Hause und die Frau fing sofort an, die Wunde zu behandeln. Sie holte Pflanzen und Kräuter aus dem Garten und verbanden damit meinen Fuß. Dann brachten sie mich zurück zu meinem Boot. Am nächsten Tag tauchte die Familie wieder auf und kümmerte sich um meinen Fuß — das wiederholten sie eine Woche lang, bis die Wunde anfing zu heilen. Jedes Mal versuchte ich, ihnen etwas zu geben, weil sie so nett zu mir waren. Aber sie wollten nichts haben. Sie wirkten sogar etwas beleidigt. Wenn wir Europäer etwas geben und nichts zurückbekommen, dann denken wir, dass die Person undankbar ist und geben ihr nichts mehr. Die Menschen in der Gemeinschaft hier geben einander viel und bekommen immer viel zurück. Bis sie etwas zurückbekommen, können allerdings Tage, Wochen oder Jahre vergehen. Doch das ist ihnen egal. In dem Moment selbst erwarten sie keine Gegenleistung, und das finde ich wirklich wunderschön.“

Heute ist Laura Dekker mit Daniël Tealman verheiratet. Im September 2018 wird ihr Sohn Tim geboren. Die drei leben in Whangarei, ihrem Geburtsort, auf einem Boot.

Nächstes Jahr will sie die Weit ein weiteres Mal umsegeln. Diesmal nicht allein, sondern mit einer Gruppe von Jugendlichen. Teamwork, Respekt, Selbstvertrauen, Konfliktfähigkeit und ein Bewusstsein für die Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel will sie den Jugendlichen vermitteln. “ Ich will ihnen nicht beibringen, wie man segelt, sondern wie man ein Abenteuer erlebt. Gemeinsam wollen wir lernen, worauf es im Leben ankommt.“

Dafür will sie eine 24 Meter lange Yacht bauen lassen, die Platz für 12 Jugendliche zwischen 9 und 17 Jahren bietet. Ihr kleiner Sohn kommt natürlich mit.

Literatur: Laura Dekker, Ein Mädchen ein Traum, Solo um die Welt, Delius Klasing Verlag, 2013, ISBN 978-3768835466

vonpaula

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