4. Evelyn Cheesman (1881 – 1969) 

Reisen zu einem bestimmten Ziel – Forschungsreisende

4. Evelyn Cheesman (1881 – 1969)
Porträt: Julia Sand 2021 –  Acryl auf Papier

„Es scheint als selbstverständlichkeit zu gelten, dass es Mut erfordert, allein in wilde Gegenden wie Neuguinea zu gehen und sein Lager, so wie ich es getan habe, weit entfernt von den nächsten zivilisierten Menschen aufzuschlagen. In Wahrheit ist nicht so sehr Mut gefragt, sondern Durchhaltevermögen. Ich sollte die Unabhängigkeit an erster Stelle nennen und dann das Durchhaltevermögen, und keines von beiden sind Tugenden, sondern erworbene Gewohnheiten. Unabhängigkeit wird als ungesellige Angewohnheit betrachtet, insbesondere bei einer Frau, und im Lexikon wird Selbstständigkeit mit Arroganz in Verbindung gebracht, was die allgemeine Denkrichtung deutlich zu erkennen gibt“.

Evelyn Cheesman ist Insektenforscherin. Sie liebt Spinnen und Käfer, reist mutterseelenallein in den Dschungel Neu-Guineas oder begibt sich auf halsbrecherische Erkundungstouren auf den Inseln des südlichen Pazifik. Sie folgt unerschrocken ihrem Forschungsdrang, scheint keine Angst zu kennen und gerät mehr als einmal in Lebensgefahr. Als sie sich eines schönen Tages in den riesigen Netzen der Nephelia-Spinne verfängt, braucht sie Stunden, um die Weben mit einer Nagelfeile zu kappen – beobachtet von hunderten hungriger Nephelias.

„Was das Zerreißen des Netzes anbelangt, so führten alle meine Bemühungen nur dazu, dass ich mir in die Finger schnitt… Ich versuche sogar, die Fäden durchzubeißen, aber das war aussichtslos. Überall um mich herum hingen Spinnen jeden Alters, einige nah an meinem Gesicht. Ich hielt sie jetzt nicht mehr für schön.“ Dannach ist sie nie mehr ohne Machete unterwegs.

Evelyn Cheesman wächst Ende des 19. Jahrhunderts auf einer Farm irgendwo im County Leicestershire auf. Ihre Familie ist gebildet, aber arm, weshab sie und ihre Schwester zunächst als Gouvernanten arbeiten müssen. Das behagt ihr garnicht. Gelangweilt bringt sie sich selbst Deutsch und Französisch bei. Sie will Tierärztin werden, scheitert jedoch an der Tatsache, dass Frauen an der Veterinärschule in London nicht zugelassen werden. 

Nach dem ersten Weltkrieg, wo sie von der englischen Regierung als Übersetzerin eingesetzt wird, um deutsche Spione zu entlarven,  nimmt sie schließlich überglücklich eine Stelle als Wärterin im damals baufälligen Insektenhaus des Londoner Zoos an. Damit wird der Grundstein für ihr Interesse an der Entomologie gelegt. Sie ist der Meinung, dass das Insektenhaus lausig bestückt ist und so streift sie in ihrer Freizeit mit Netz und Blechdose durch die Parks von London, um es ein wenig aufzupeppen. Oft helfen ihr die im Park spielenden Kinder dabei. Ihre Vorgesetzten sind beeindruckt. Sie wird umgehend zur ersten weiblichen Kuratorin der entomologischen Abteilung befördert. Jetzt kann sie ungehemmt ihre Begeisterung auf die tropischen Exemplare der Insektenwelt ausweiten.

Im Alter von 42 Jahren bekommt sie endlich das Angebot, an einer Expedition teilzunehmen, die zunächst durch den Panamakanal auf die Galápagos Inseln führen soll und dannach in die Südsee, bis nach Tahiti fortgesetzt würde. Sie sagt begeistert zu! Doch sobald die Forschungsgruppe an einem der Ziele angekommen ist, trennt sie sich von den verblüfften Mitreisenden und verschwindet in den Tiefen des Dschungels. Sie will eigenständig herumstreifen und sammeln. Der Preis, den sie dafür bezahlt ist, dass sie ihre Streifzüge selbst finanzieren muss. Schnell schickt ihr der Bruder 100 englische Pfund. Der Anfang ist gemacht. 

Evelyn Cheesman unternimmt insgesamt acht Expeditionen in die Südsee. Sie sammelte über 70 000 bis dahin unbekannte Spezies von Insekten und übergibt sie am Ende ihres Lebens dem Natural History Museum in London. Sie verfolgt mit ihrem fanatischen Sammelwillen die Theorie, dass die Inselgruppen, die ein identisches Insektenvorkommen haben, ursprünglich mit Landbrücken miteinander verbunden gewesen seien und erst im Laufe der Zeit durch das Meer voneinander getrennt worden waren. Auch wenn ihre Theorie bis heute nicht bestätigt wurde, so spricht die Wissenschaft immer noch von der Cheesman’s line, denn es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass es zwei grosse Inselgruppen gibt, auf denen jeweils unterschiedliche Insekten, Vögel und Echsen vorkommen.

Evelyn Cheesman erhält für Ihre Arbeit unterwegs nie ein Gehalt. Sie lebt von ihrer schriftstellerischen Tätigkeit und ihren Vorträgen. Da sie in der Wildnis sehr sparsam mit ihrem Vorräten umgeht, kann sie ein Jahr lang von einer Summe leben, die andere Expeditionen in wenigen Wochen ausgeben. Die über 30 Bücher, die sie über ihre Expeditionen schreibt, sind faszinierend und informativ und verkaufen sich gut. Mit ihnen kann sie den Großteil ihrer Forschungsreisen finanzieren. Die Hälfte ihrer Bücher schreibt sie übrigens während des zweiten Weltkriegs, einer Zeit, in der ihre Abenteuerlust verständlicherweise zum Erliegen kommt.

 

Evelyn Cheesmans Hütte auf der Insel Aneityum, die sie im Alter von 73 Jahren bewohnte

 

Auf ihren vielen Reisen zu den Neuen Hybriden lebt Evelyn Cheesman oft bei sogenannten „Kannibalen“. Das erregt in Europa und speziell in England großes Aufsehen, vor allem weil es männlichen Forschern nur selten gelungen war friedlichen Kontakt mit den Einheimischen zu bekommen. Evelyn selbst schreibt ihre Fähigkeit mit den Inselbewohnern auf einer freundschaftlichen und sicheren Basis zusammenzuleben der Tatsache zu, dass „sie die Inselbwohner diejenigen waren, die in der überlegene Position waren und mir vieles beibringen konnten. Und so wurde, als sie feststellten, dass ich nicht versuchte, ihnen fremde Ideen aufzudrängen, zwischen uns eine ganz besondere Verbindung geschmiedet“. 

Einmal geriet sie in eine Auseinandersetzung zwischen zwei einheimischen Gruppen. Als der Pfeilhagel vorüber war und alle überlebt hatten, „fragte ich meinen indigenen Begleiter, ob er mich denn auf gegessen hätte, wenn ich umgekommen wäre. Und er antwortete, dass er das natürlich getan hätte, denn jemanden aufzuessen habe nichts mit Freundschaft zu tun. Es habe eher etwas mit den Geistern zu tun. Ich, Evelyn, hätte einen starken Geist und er wolle nicht, dass dieser ihn verfolge. Wenn er mich aufäße, so würde er dieser Gefahr vorbeugen“.

 

Einige der Inseln, die Evelyn Cheesman bereiste

 

Evelyn Cheesman stirbt mit 86 Jahren (1969), kurz nachdem sie ihre Sammlungen dem Naturhistorischen Museum in London vermacht hat. Bis heute wird an Cheesmans gigantischer Pflanzensammlung herumanalysiert und kathegorisiert. Im Jahr 2013 fanden Entomologen in ihrem Nachlass einer der wenigen bekannten blau blühenden epiphytischen Orchideen, Dendrobium azureum, und Evelyn Cheesman wurde als deren Entdeckerin anerkannt. Ihren Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass sie das Exemplar am 17. Juni 1938 auf dem Gipfel des Berges Nok auf der Insel Waigeo vor Neuguinea gefunden hat. Es ist nicht bekannt, dass andere gesammelte Exemplare gefunden wurden, und es ist nicht bekannt, ob diese Art noch existiert.

Text: Elfe Brandenburger

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